Medikationspläne werden von Patienten oft nicht genutzt



Medikationspläne – zumindest frei erstellte – verbessern die Arzneimitteltherapiesicherheit wohl nicht wie erhofft. Das legt nun eine Studie der Uni Greifswald nahe.

GREIFSWALD.
Viele Patienten haben einen Medikationsplan, aber viel zu wenige nutzen ihn. Kollegen der Universitätsmedizin Greifswald, die dies jetzt in einer Querschnittstudie in zehn Allgemeinpraxen dokumentiert haben, appellieren an Ärzte, Patienten intensiv und regelmäßig zu Inhalten und Bedeutung des Medikationsplanes aufzuklären. Sie fordern zudem eine stärkere Einbindung von Apothekern, aber auch technische Lösungen wie eine zentrale Verordnungsdatenbank.

In ihrer Studie haben Kollegen um M. Sc. Simone Kiel geprüft, welche Auskunft Patienten über ihre verordneten Medikamente geben können und was die Auskunftsfähigkeit beeinflusst. Von 1108 in zehn Allgemeinpraxen in Westthüringen und im Raum Göttingen per Zufallsstichprobe ausgewählten Patienten erklärten sich 637 (57 Prozent) zu einem Interview oder zu einer postalischen Befragung bereit.


Ihre Studie sei damit die bisher größte im deutschen Raum, in der Patientenangaben zur Medikation mit den jeweiligen Praxisdokumentation verglichen worden seien, so die Studienautoren. Zur Beantwortung der Fragen konnten die Studienteilnehmer Hilfsmittel wie Notizen, die zum Erhebungszeitpunkt noch üblichen frei erstellten Medikationspläne und Medikamentenverpackungen nutzen.


Nur jeder Zweite wusste über die Indikation Bescheid


OTC-Präparate wurden nicht berücksichtigt. Bereits eine inkorrekte Angabe zur Medikation wurde als inkorrekte Auskunft gewertet (
DMW 2018; 143: 188-196).
Das sind die Hauptergebnisse der Studie, für die Datensätze von 625 Patienten herangezogen werden konnten:
  • Die Patientenangaben zur Zahl der Medikamente stimmten nur zu 54 Prozent vollständig mit der Praxisdokumentation überein.
  • Laut Praxisdokumentation nahmen 75 Prozent (476) der Patienten mindestens drei Arzneien und 49 Prozent (309) mindestens fünf Medikamente gleichzeitig ein.
  • Am besten konnten die Patienten über die Medikamentennamen korrekt Auskunft geben (75 Prozent), am schlechtesten über die Indikation (47 Prozent). Über Dosierung und Einnahmefrequenz konnten nur 56 und 61 Prozent aller Patienten korrekt Auskunft geben.
  • Einen Medikationsplan hatten 65 Prozent aller Patienten und 80 Prozent der Patienten mit mindestens drei Medikamenten. Anspruch auf einen solchen Plan haben seit Oktober 2016 ja Patienten, die mindestens drei systemisch wirkende Medikamente über mindestens 28 Tage gleichzeitig anwenden. Zur Beantwortung der Fragen nutzten 19 Prozent aller Patienten und 24 Prozent der Patienten mit mindestens drei Arzneien den Medikationsplan.
„Die Ausstellung eines Papiermedikationsplans per se führt nicht zu einer besseren Auskunftsfähigkeit“, resümieren die Autoren. Dennoch sei ein solcher Plan wichtig, da er den Patienten als Erinnerungsstütze diene sowie bei verschiedenen Ärzten und in Notfällen bei stationärer Aufnahme vorgelegt werden könne.
Der bundeseinheitliche Medikationsplan habe gegenüber dem zum Erhebungszeitpunkt noch üblichen frei erstellten Medikationsplänen Vorteile und eventuell den Anteil der Patienten mit einem Medikationsplan inzwischen erhöht. Die bei der Befragung der Patienten beobachtete unzureichende Information zur Medikation mangels Nutzung könne jedoch dadurch auch nicht überwunden werden.

Quelle: Ärzte Zeitung online (Marlinde Lehmann)

Polypharmazie ist ein Massenproblem



Jeder fünfte Bundesbürger nimmt fünf oder mehr Arzneimittel ein, berichtet die Barmer in ihrem Arzneimittelreport. Die Kasse warnt vor den Gefahren.


BERLIN. Jeder vierte Barmer-Versicherte ab 65 Jahren hat im Jahr 2016 ein für ihn ungeeignetes Arzneimittel erhalten. Das geht aus dem Arzneimittelreport 2018 der Kasse hervor, der am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde.

Generell ist Polypharmazie ein Problem, das große Teile der Bevölkerung betrifft: Laut aktueller Analyse hat jeder fünfte Bundesbürger im Jahr 2016 fünf oder mehr Arzneimittel eingenommen.


Wenn wichtige Informationen für Behandlungsentscheidungen fehlten, Sprachbarrieren zu Missverständnissen führten oder Medikationspläne unvollständig seien, könnte das zu Risiken bei der Arzneimitteltherapie führen, die eigentlich vermeidbar wären, hieß es.

"Angesichts der Sicherheitslücken in der Arzneimitteltherapie geht es nicht um Schuldzuweisungen in Richtung Ärzte", betonte der Vorstandsvorsitzende Professor Christoph Straub. Er forderte aber auch: "Die Patientinnen und Patienten müssen besser vor diesen Risiken geschützt werden." (aze)

Quelle: Ärzte Zeitung online